Medizin Mann – Memento Mori – Review
Erstmal möchte ich mich an dieser Stelle bei allen amateurhaften Schwerverbrechern und angehenden Serienkillern entschuldigen, die in den letzten Wochentagen unselig versucht haben meinen Körper auszuweiden. Ich entschuldige mich auch herzlich bei dem Berufstalker, der so schlau war sich in einer Tiefgarage direkt hinter meinem Fahrzeug zu verstecken. Ich wollte dir auf keinen Fall körperliche Langzeitschäden zufügen, aber das halbverrostete Küchenmesser, dass du mir in den Rücken rammen wolltest, stellte für mich eine klare Bedrohung dar und diese konnte ich einfach nicht hinnehmen. Es tut mir leid, beim nächsten Mal klappt es ganz bestimmt. Ich glaub an dich, mein Freund. Einen Strauß mit 30 roten Rosen inklusive einer signierten Glückwunschkarte findest du neben deinem Krankenbett. Ich ruf dich an wenn meine Zeit gekommen ist, versprochen.
Kommen wir jetzt zum Review!
Der Anfang von „Memento Mori“ begann äußerst überwältigend, es war fast schon eine meisterliche Durchführung eines anormalen Sprechsängers, der eine talentvolle Gastrapperin namens Ninjah mit ins Fegefeuer einlud, um dem Hörer den denkwürdigen Titel des Longplayers näher zu erklären. Mein Astralkörper war gebannt, nein, fast schon gefesselt und auf die darauf folgenden Tracks bis ins unermessliche gespannt. Mein Muskelshirt riss ich in Hulk-Manier in zwei Teile und jeder der in dem Warteraum anwesend war, durfte kostenfrei meine Brustmuskeln mit großem Erstaunen betrachten. Doch wer zu hoch steigt, dem droht auch manchmal der akute Durchfall.
Dieses ewige Gestammel von abscheulichen Menschenabschlachtungen, das Fressen der Innereien eines Kontrahenten und die Repräsentierung der eigenen barbarischen Stadt, die anscheinend nur aus Untoten und korrupten, HIV positiven Drogendealern mit Angst einflößenden Penisgrößen besteht, beängstigt nicht, es nervt mit der Zeit!
Kinderspielplätze & Altersheime sollten mit diesem Album nicht beschallt werden, auch nicht die nächstgelegene Zeugen Jehovas-Kongress-Veranstaltung, denn was mit einer pseudo-tiefen Stimme auf diesem Werk dargeboten wird, grenzt schon fast an akustischer Vergewaltigung.
Ein aufrichtiges Zitat aus dem Track „Memento Mori“
„Sei nicht schwach, zeige Macht, sei ein Mann, deine Wahl. Wer hat gesagt, das Leben ist einfach, denn meistens ist das eine Qual, stell dich deinen Ängsten auch noch mit letzter Kraft, genieße das Leben als wäre jeder Tag der letzte Tag, jede Nacht die letzte Nacht.“
Die raptechnischen Praktiken sind ab und an eine hörenswerte Angelegenheit, auch die Double Time Passagen in den Kabarettliedern zeugen von jahrelanger Erfahrung in dieser leicht behinderten Musikrichtung. Unterhaltsam, aber wahrlich nichts für Blumentopf & Fettes Brot Anhänger, doch dies war vom Medizin Mann bestimmt so vorgesehen. Die Gastbeiträge auf diesem Lauschangriff restaurieren in mühevoller Arbeit die eingerostete Karre und verursachen beim aufbessern eine Dramatik eines guten Horrorstreifens der frühen 70er Jahre.
Gestöhne und Gegröle!
Ist es jetzt der neue unumkehrbare Trend, den übelsten und größten Urwaldaffen und Soziopathen zu mimen und sich mit dieser Wohltat zu brüsten? Sollte ich dafür Respekt zollen oder womöglich noch jemandem die übergroßen Galoschen küssen? Laufend, unterbrochen, fast schon über die gesamte Spielzeit vernimmt man Gegröle und unbefriedigende Lustschreie die mich an einen Aufenthalt in einem italienischen Krankenhaus erinnern. Diese Erfahrung hatte ich über die letzten Jahre gelernt zu verdrängen. Danke für die Aufarbeitung meiner traumatischen Erlebnisse.
Zitat aus dem Track „Nachbarschaft“
„Was ist gerecht, was ist ungerecht, was ist legal, wenn du nichts mehr hast, wie sollst du etwas bezahlen. Doch wir zeigen Stärke, weil alle Kinder weinen, doch Politiker lassen nicht den Winter weichen, somit bleiben wir kalt und das Herz erfriert, Strassen Politik und die Gewalt eskaliert.“
Wie auf jedem Album gibt es auch auf diesem Hörbuch reichlich positives!
Die Kreativität des rachsüchtigen Medizin Mann’es ist glücklicherweise nicht so sehr eingeschränkt wie die der Rapper, die derzeit in aller Munde stecken, mit was auch immer sie stecken mögen. Auch vollbringt der Hobbydoktor eures Vertrauens eine schauspielerische Höchstleistung und amüsiert jeden todkranken, der auf den lang ersehnten Exitus wartet. Der Albumtitel hätte auch „Aktive Euthanasie“ lauten können, denn die Lust ein Gerät abzuschalten, sei es die eigene Musik Anlage oder ein lebensnotwendiges Beatmungsgerät im benachbarten Krankenhaus, kommt bei „Memento Mori“ verstärkt auf.
Legt euch reichlich Beruhigungsmittel zu und bewahrt bitte dieses Album vor Kindern und angehenden Gangster-Rappern auf, denn wie wir alle wissen, vertragen die Strassen-Poeten unserer Zeit nur eine begrenzte Informationsaufnahme.
Ach ist das fabelhaft, ehrlich! Wenn ich mir dieses Album noch einmal durchhören muss, dann erschieße ich mich höchstpersönlich selbst und am besten mit der Knarre vom Medizin Mann. Damit meine ungeliebte Verwandtschaft nicht zu enttäuscht von mir ist, lasse ich die Fingerabdrücke von ihm dran, ich bin ja nicht suizidgefährdet.
Für alle Deutschrap-Fanatiker, Teilzeit-Idioten und (im)potenzielle Amokläufer wird dieses Album einem feuchten Traum gleichen. Musikliebhaber die einen sanften & äußerst sensiblen Musikgeschmack mit sich führen, sollten es sich unbedingt auch zulegen. Die Mietpreise in einigen Städten sind viel zu hoch angelegt, je mehr Bewohner der Lichtgestalt aus dem Jenseits folgen, desto günstiger wird die prächtige Eigentumswohnung die ich mir noch in diesem Leben gönnen möchte.
Danke Herr „Medizin Mann“, du tust mir mit deinem Album einen großen Gefallen. Ich verneige mich vor deiner Blutrünstigkeit!
Das Ende kommt unverhofft, hoffentlich nicht für mich!
Fazit: Ein ersprießliches, unerklärliches, zeitloses Album mit sehr tollkühnen Texten!
Favorisierter Track: Memento Mori feat. Ninjah
P.S.: „Morddrohungen werden an meinen Rechtsanwalt weitergeleitet, er bemüht sich dann umgehend um einen Termin. Mordwerkzeuge werden nicht gestellt, bitte eigene mitbringen. Vor dem eintreffen unbedingt desinfizieren. Vielen Dank“





